Unser Vater zeigte uns Videos von Di Stéfano…

Ein Interview mit Michael Rummenigge in der spanischen DiarioAs vom 08. April 2014, anlässlich des Viertelfinal Rückspiels Borussia Dortmund gegen Real Madrid in der UEFA Cahmpions League. Am Ende finden Sie einen Link zu einem PDF mit dem spanischen Original.

Michael Rummenigge (der jüngere Bruder von Karl-Heinz) spielte sechs Jahre bei Bayern München und fünf bei Borussia Dortmund. Seit seinem Karriereende lebt er in Dortmund, wo er heute erfolgreicher Geschäftsmann und Spielerberater ist. Aus seiner Zeit bei beiden Vereinen hat er zahlreiche Erinnerungen und Anekdoten, an die er sich gerne zurückerinnert.

„Unser Vater zeigte uns Videos von Di Stéfano“ – Michael Rummenigge

Michael Rummenigge in seinem Büro in Dortmund, welches sich immer mehr zu einem echten Fußball-Museum entwickelt.

Herr Rummenigge, spielte Ihr Vater auch Fußball ?

– Ich stamme aus einer Familie aus Lippstadt, nahe Dortmund. Einem kleinen, sehr bescheidenen Ort. Mein Vater war Mechaniker und spielte in einem Amateurclub als Innenverteidiger. Er war Fußballbegeisterter und ließ uns viele Freiheiten. Er erzählte uns, dass er sehr hart schießen konnte. So hart, dass er einmal den Ball an die Latte drosch und der von dort abgefälschte Ball alle fünf Finger des Torhüters brach (lacht). In Wirklichkeit erlernten wir das Fußballspielen gemeinsam mit vielen Emigrantenkindern aus Italien und Spanien auf der Straße.

Sie und ihr Bruder waren wahrscheinlich der Stolz Ihres Vaters…

– Zweifelsohne. 1974 wurde Deutschland Weltmeister und mein Bruder (Karl-Heinz) wechselte mit 17 Jahren zum FC Bayern. In unserer kleinen Stadt mit 30.000 Einwohnern sagte man: ,,Was will dieser Dorfjunge bloß bei einem Verein, bei dem sechs Weltmeister spielen ?!“

Wie kam es dazu, dass Sie zum FC Bayern wechselten ?

– Ich war bereits U16 und U17 Nationalspieler und spielte bei Borussia Lippstadt. Ich kam zu Bayern München und spielte zunächst ein Jahr ohne Vertrag als Jugendspieler. In dieser Zeit machte ich eine Ausbildung in einer Bank, um die Grundlagen für eine gute Zukunft zu legen…

Wie viele Jahre Altersunterschied liegen zwischen Ihnen und Ihrem Bruder ?

– Acht. Und es gibt noch einen Bruder, welcher der älteste und der beste von uns dreien war.

Im Ernst ?

– Ja, mein Bruder Wolfgang. Aber es gefiel ihm weder viel zu laufen noch viel zu trainieren. Aber er hatte die beste Technik und war der schnellste von uns Brüdern. Und er hatte eine wahnsinnige Muskelkraft, die er auf seine Schüsse übertrug. Er spielte in der zweiten Liga. 1974 lag ihm gemeinsam mit Karl-Heinz ein Angebot von 1860 München vor. Unsere Familie hat sich dann jedoch zusammengesetzt und letztlich entschlossen, dass Karl-Heinz zum FC Bayern geht.

Als Sie zum FC Bayern kamen, war ihr Bruder bereits etabliert, oder?

– Das stimmt, er war bereits ein Weltstar. Er wurde im zweiten Jahr hintereinander zum besten Spieler Europas gekürt.

Empfanden Sie es als schwierig im Schatten Ihres Bruders im Verein zu stehen?

– Es war in der Tat schwierig. Der Vergleich war unumgänglich. Wir bekleideten die selbe Position, waren beide Stürmer. Es war dann Udo Lattek, der mich weiter zurückzog und zur hängenden Spitze machte, weil mir ein wenig die Schnelligkeit fehlte. Ich machte Karriere als ’10er’ mit viel Torgefahr. Noch immer sagt man in München, dass ich der bessere Fußballer war, aber Karl-Heinz mehr Explosivität und Schnelligkeit besaß. Ich hatte mehr Spielübersicht.

Spielten Sie mit Ihrem Bruder zusammen ?

– Zwei Jahre. Von ’82 bis ‘84. Im letzten gemeinsamen Spiel gewannen wir den DFB Pokal, bevor er zu Inter Mailand wechselte. Im Finale stand uns Borussia Mönchengladbach gegenüber. Das Spiel ging ins Elfmeterschießen. Matthäus verschoss seinen Elfmeter und ich verwandelte den entscheidenden letzten… Wenn nicht, hätte ich mir von meinem Bruder etwas anhören können (lacht).

Haben Sie sich auch mal gestritten auf dem Platz ?

– Viele Male. Er war derjenige, der am meisten von mir gefordert hat. Er schrie mich öfter an als seine eigenen Kinder.

Zu Beginn der 80er war Hoeneß bereits der Chef beim FC Bayern, richtig ?

– Ja, ’79 hatte ihn eine Verletzung zum Aufhören gezwungen. Er war mein Chef. ’82 spielten wir mit der A-Jugend gegen Augsburg und gewannen 4:2. Ich machte 2 Tore. Hoeneß verfolgte das Spiel von der Tribüne aus und kam nach dem Spiel auf mich zu: „Morgen kommst Du in mein Büro!“. Und dort legte er mir dann einen Vertrag vor. Ich habe nicht einmal gefragt, was ich denn verdiene. Ich habe einfach unterschrieben.

Und was verdienten Sie?

– Ich bekam 6.000 Mark pro Monat, das dreifache von dem, was mein Vater verdiente, wenngleich auch ein Witz im Vergleich zu dem, was man zu der Zeit bereits im Fußball verdiente. Aber ich war glücklich. Und obwohl ich Stammspieler wurde, hat man meinen Vertrag nicht verbessert bis die zwei Jahre rum waren. Aber Hoeneß war immer sehr korrekt.

Überrascht es Sie was mit Ihm passiert ist ?

– In der Dimension, von der man spricht, ja. Für Ihn persönlich ist es eine Tragödie. Ich glaube in Spanien gab es einen ähnlichen Fall, oder ? Was geschah mit Del Nido ?

Woran erinnern Sie sich, wenn Sie an Ihre Spiele mit dem FC Bayern gegen Real Madrid zurückdenken?

– Das war das Größte worauf wir hinfiebern konnten. Seit ich 10 Jahre alt war nahm mich mein Bruder, vor allem in den Schulferien, immer an der Hand mit in die Kabine des FC Bayern. Ich kannte bereits alle: Müller, Hoeneß, Breitner etc. und habe Ihnen die Schuhe getragen. In jener Kabine war ich auch im Halbfinale 1976. Ich war 11 oder 12 Jahre alt. Nach dem Spiel ging ich mit meinem Bruder und den Anderen mit Breitner, der bereits in Madrid spielte, essen.

Welche Spieler beeindruckten Sie aus dieser Kabine am meisten ?

– Gut, in Wirklichkeit gab es drei Kabinen. Die A, B und C-Kabine. In der A-Kabine waren Beckenbauer, Müller, Breitner, Hoeness… und in der C die neuen, jungen wie mein Bruder.

Es gab also Klassen ?

– Sogar zu meiner Zeit.

Haben Sie selbst auch gegen Madrid gespielt ?

– Klar. Im Halbfinale ’86-’87. Ich konnte es nicht glauben, was in diesem Spiel geschah! Weder ich noch irgendwer anders. Nie zuvor hatten wir gesehen, dass ein Spieler seinem Gegenspieler auf den Kopf tritt. Das tat Juanito mit Matthäus.

War das hinterher ein Thema in der Kabine ?

– Ehrlich gesagt nicht. Wir ärgerten uns viel mehr über das Gegentor, das wir kurz vor Schluss kassierten (Bayern gewann das Hinspiel mit 4-1). Ich konnte das Rückspiel nicht spielen. Ich hatte eine Lebensmittelvergiftung und verfolgte das Spiel vor dem Bildschirm im Krankenhaus. Ich erinnere mich das Augenthaler rot sah und die legendäre Stierhörner-Geste machte. Später sagte er uns, dass das Stadion aufgrund der stark aufgeheizten Stimmung einer Stierkampfarena glich. Ebenfalls erinnere ich mich an das Wahnsinns-Spiel von Pfaff. Er hat sehr stark gehalten.

Sie standen im Viertelfinale ’87-’88 ?

– Ja, wir führten mit 3:0 und kassierten am Ende noch 2 Tore. Es spielte Buyo, oder? Michel, Butragueño… und Chendo, der war super. Aber er brachte mich dazu die ganze Zeit zu springen, damit er mich nicht erwischen konnte…. Ein sehr harter Spieler. Butragueño tauchte dann in einem ganz speziellen Moment auf. Er war ein Spieler, der den Unterschied ausmachte.

Michael Rummenigge damals wie heute – immer dem Fußball treu geblieben.

Wen bewunderten Sie am meisten ?

– Di Stéfano, sicher! Mein Vater besaß Videos von Ihm und spielte uns diese vor. Dieses weiße Trikot… Sie waren wie ein Ballett.

Wieso entschlossen Sie sich zu Borussia Dortmund zu wechseln ?

– Zu der Zeit war es kein direkter Konkurrent. Ich bin gegangen, weil ich ein großes Problem mit dem damaligen Trainer Heynckes hatte.

Was für ein Problem ?

– Es war nicht nur ein Problem, was ich alleine hatte, sondern andere Spieler ebenfalls. Wir alle gingen und es kamen zehn neue. Aber ein Jahr später wurden sie Meister. Matthäus, Rummenigge, Pfaff, Breitner waren gegangen…. Das Problem war, dass Heynckes Udo Lattek ersetzt hat, welcher der Vater dieser ganzen Spieler war. Er kam und wollte Dinge verändern… Wir alle haben damals Fehler gemacht.

Was für eine Borussia fanden Sie vor ?

– Dortmund war eine Mannschaft die sich im Mittelfeld der Tabelle befand. Ich wäre zum Hamburger SV gegangen, aber dort konnte man mir nicht das selbe Gehalt zahlen. Bei Borussia spielten zu der Zeit Zorc, Andy (Andreas) Möller und Mill, der zuvor bei Gladbach spielte, welches an jenem legendären Abend Madrid mit 5:1 schlug…

Später drehte Madrid das Ergebnis noch…

– 1989 gewannen wir mit Borussia Dortmund den DFB- Pokal, was zugleich den Beginn des Aufstiegs des Vereins einläutete. Wir hatten Glück, dass Horst Klöppel Trainer wurde. Wenig später kehrten dann Spieler aus Italien zurück, wie Kohler, Möller, Julio César… Alle kamen von Juventus Turin, welches uns ein Jahr zuvor im UEFA-Cup Finale 1993, meinem letzten Jahr, besiegt hatte. Dortmund war in diesem Jahr der einzige deutsche Verein, der über das Achtelfinale in einem europäischen Wettbewerb hinaus kam und da jeder Verein die Verträge der TV-Gelder für sich selbst aushandelte, verdienten wir so viel Geld, dass dies den Aufschwung des Clubs bedeutete.

Bis heute…

– Ich erzähle Ihnen etwas: Mein Sohn ist ein Fußballverrückter. Er kennt alle, wirklich jeden einzelnen Spieler. Momentan sagt man, dass der Zyklus der spanischen Nationalmannschaft vorbei sei. Er sagt ‘nein‘ und, dass sie diese Weltmeisterschaft auf jeden Fall noch gewinnen werden, da sie die einzigen sind, welche die Brasilianer schlagen können.

Haben Sie einst den Platzverweis Ihres Bruders bei einem Spiel der ‘Trofeo Bernabéu‘ und seine hässlichen Gesten gesehen ?

– Er war mit Sicherheit sehr wütend (lacht). Ich habe dieses Turnier ebenfalls mit dem FC Bayern gespielt. Es war etwas Besonderes. Wir kamen grade von einem Länderspiel in Russland. 110.000. Zuschauer! Madrid führte 2:0 aber das Spiel ging 2:2 aus. Bayern spielte eine spektakuläre zweite Halbzeit. Pa-pa-pa…. Das Publikum applaudierte uns am Ende. Es ist ein sehr fachkennerisches Publikum. Ich habe auch mal ein ‘Gamper‘ Turnier gegen das Barcelona von Bernd Schuster und Diego Maradona gespielt. Das war ’84. Schuster machte mit Matthäus was er wollte. Ich sagte zu ihm: „ In meinem ganzen Leben habe ich noch nie jemandem so spielen sehen, wie dich heute!“ Er dehnte sich und antwortete ein wenig Lustlos in perfektem spanisch: „Normal.“

Folgen noch mehr kleine Rummenigges ?

– Mein Sohn Marco! Er war der beste. Er spielte in der U20 und U21 Nationalmannschaft für Deutschland. Aber er verletzte sich sehr schwer am Knie und konnte sich leider nicht wieder vollständig davon erholen. Er spielte zusammen mit Reuss und Götze. Reuss schickte man bei Dortmund einst sogar weg, weil man sagte er sei nicht gut genug und zu schmächtig. Später kaufte man ihn wieder zurück.

Das Profil – Er schoss 97 Tore

Michael Rummenigge kam mit nur 17 Jahren zum FC Bayern, als sein älterer Bruder (es liegen 8 Jahre zwischen beiden) bereits ein echter Weltstar war. Er war Stürmer, aber Udo Lattek zog ihn auf die Position des offensiven Mittelfeldspielers zurück, weil er langsamer als sein Bruder war. Später entschied er sich aufgrund von Problemen mit dem damaligen Trainer Heynckes zu einem Wechsel zu Borussia Dortmund, mit welcher er  ein UEFA-Pokal Finale gespielt hat und einen DFB POKAL Titel gewann. In seiner gesamten Karriere gewann er drei Meisterschaften, drei DFB Pokale und drei mal den Supercup (97 Tore in 358 Spielen). Nach seinem Karriereende wurde er erfolgreicher Geschäftsmann. Seine Firma Trendsport Rummenigge vertreibt Sportinstallationen, Kunstrasenplätze und spezielle Fußballkäfige (welche er selbst erfand) auf der ganzen Welt. Außerdem ist er Spielerberater (Boateng, Spieler des FC Bayern) und besitzt ein Fußballmuseum zu Hause.

Hier gibt es das komplette Interview im spanischen Original als PDF!